Neuroathletik im Yoga: Wie ich mit einfachen Augenübungen meine Schulterbeweglichkeit zurückgewonnen habe

Curvy Yoga verstehen, asana-Lexikon

Kennst du das Gefühl, dass eine Körperseite einfach williger mitmacht als die andere? Mir geht es genauso. Und die Antwort darauf lag nicht in mehr Dehnen, mehr Kraft oder mehr Disziplin. Sie liegt in unserem Gehirn.

Vor einiger Zeit bin ich über die "Körper Neustart Challenge" von Silvester Neidhardt gestolpert – einem Trainer, der Leistungssportler bis in den Olympia-Bereich hinein begleitet, unter anderem Profi-Tennisspieler, Profi-Skifahrer, aber auch Profi-Fußballer. Sein Werkzeug: Neuroathletik. Ich habe die achtwöchige Challenge von ihm selbst mitgemacht – und war fasziniert, wie unfassbar direkt so kleine, unspektakuläre Übungen wirken können. 

Was neurozentriertes Üben ist, warum dein Gehirn dabei die eigentliche Hauptrolle spielt und welche zwei Übungen du sofort ausprobieren kannst – darum geht es in diesem Artikel.

 

Was ist Neuroathletik?

Neuroathletik oder neurozentriertes Training ist das Zusammenspiel von Augen, Gleichgewichtssinn und Eigenwahrnehmung. An Stelle des isolierten Muskelaufbaus wie beim Krafttraining stehen bei der Neuroathletik dein Nervensystem und dein Gehirn im Fokus.

Neuroathletik wird oft mit Leistungssport verbunden – zu Unrecht, wie ich finde. Auch für Privatpersonen, die keinen Wettkampf im Sinn haben, ist neurozentriertes Üben enorm hilfreich, um wieder mehr Mobilität und Flexibilität zu erreichen.

Bei mir hat es sich zuerst in der Schulter gezeigt: mehr Beweglichkeit, weniger Steifheit. Und ganz besonders deutlich bei meinen Augen – seit ich gezielt Augenübungen mache, ermüden sie im Alltag spürbar weniger schnell.

Das Spannende daran: Ich musste dafür nicht schwitzen. Ich musste nicht an meine Grenzen gehen. Ich musste nur meinem Gehirn die richtigen Informationen geben.

 

 

Warum dein Gehirn der eigentliche Schlüssel zu mehr Beweglichkeit ist

Hier kommt der Teil, der mich persönlich am meisten fasziniert: Unser Gehirn interessiert sich von Natur aus überhaupt nicht für (sportliche) Leistung.

Unser Gehirn hat eine ganz andere Aufgabe: Es reguliert alles, was in unserem Körper passiert. Nichts geschieht, ohne dass es vom Gehirn veranlasst und genehmigt wurde. Und diese Regulierung wird einer einzigen, übergeordneten Aufgabe untergeordnet – deinem Überleben.

Dein Gehirn macht dabei im Kern nur drei Dinge:

  • Es empfängt über dein Nervensystem Signale aus deinen Sinnesorganen.
  • Es analysiert und interpretiert diese Eindrücke.
  • Es wandelt sie blitzschnell in eine Reaktion um – zum Beispiel in eine Bewegung.

 

Wie präzise, kräftig, dynamisch oder koordiniert eine Bewegung gelingt, ist also das Ergebnis all dessen, was in deinem Gehirn ankommt und dort verarbeitet wird. Wie leistungsfähig du bist, hängt davon ab, wie dein Gehirn aufgrund der aktuellen Datenlage entscheidet – unabhängig von gutem Willen, Fleiß oder Veranlagung. Wenn du deine körperlichen Ziele - zum Beispiel auf einem Bein stehen - nicht erreichst, kann das schlicht daran liegen, dass in deinem Gehirn nicht die richtigen Informationen ankommen.

 

 

Der Gefahren-Filter in deinem Kopf

Stell dir vor, dein Körper ist ein Funkmast, der ständig Signale nach oben ans Gehirn sendet: Wo bin ich im Raum? Wie steht mein Fuß? Kippt da was? Und dein Gehirn funkt genauso ständig zurück: Mehr Spannung hier, loslassen dort, Gewicht verlagern. Im besten Fall läuft das wie ein gutes Gespräch.

Manchmal rauscht es aber in der Leitung – du wackelst im Einbeinstand, eine Bewegung fühlt sich zäh an, die Koordination stockt. Dann fehlt es oft gar nicht an Kraft oder Beweglichkeit. Der Empfang ist einfach schlecht.

Zu jeder Millisekunde scannt dein Gehirn deine Umgebung, deine Bewegung und deinen Körper: Wo befindet sich dein Knie? Wo dein Fuß? Wo deine Arme?

Verarbeitet wird das in sehr alten, tiefen Hirnregionen – Bereiche, die dir gar nicht bewusst zugänglich sind. Man kann sie sich wie einen Gefahrenfilter vorstellen. Dieser Bereich entscheidet, ob das, was du gerade tust, sicher ist – und damit auch, ob optimale Leistung (auf einem Bein stehen) zugelassen wird oder eher die Handbremse angezogen wird.

Die Informationen dafür bezieht dein Gehirn aus Rezeptoren in Muskeln und Faszien sowie über deine Augen und Ohren.

 

 

Deine Schokoladenseite – und warum eine Körperhälfte oft beweglicher ist als die andere

Ein Detail, das ich besonders spannend finde: Diesen Gefahrenfilter im Gehirn gibt es doppelt – einmal links, einmal rechts. Und er arbeitet über Kreuz.

Deine rechte Gehirnhälfte ist zuständig für die willkürlichen Bewegungen deiner linken Körperseite und für die Stabilität deiner rechten Körperhälfte. Deine linke Gehirnhälfte entsprechend umgekehrt. Genau das ist oft der Grund dafür, dass eine Körperhälfte deine "Schokoladenseite" ist – beweglicher, kräftiger, williger – während die andere etwas weniger schokoladig mitmacht.

Wird eine Körperhälfte im Alltag oder Sport bevorzugt eingesetzt – denk an eine Tennisspielerin mit ihrem Schlagarm –, wird sie stärker belastet und trainiert als die andere. Die weniger genutzte Seite bleibt zurück, es findet weniger Kommunikation zwischen Körper und Gehirn statt und die Funkverbindung wird schlechter. So entstehen mit der Zeit Schiefstände, muskuläre Dysbalancen oder Verdrehungen im Körper.

 

 

Wie Neuroathletik-Übungen wirken

Genau hier setzen Neuroathletik-Übungen an: Sie verbessern gezielt die Kommunikation zwischen Gehirn und Körperteil und nehmen Einfluss auf das zentrale Nervensystem.

Neuroathletische Übungen zielen daher auf drei Systeme ab:

  • das sogenannte visuelle System wird durch Augenübungen trainiert,
  • das sogenannte vestibuläre System oder auch Gleichgewichtssystem durch Balance-Übungen und
  • das propriozeptive System – also deine Eigenwahrnehmung von Lage und Bewegung deines Körpers im Raum – durch Mobilitätsübungen und sanfte Nervendehnung.

 

Das Training beginnt also immer im Gehirn, der Körper führt anschließend aus. Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Beweglichkeit sind in erster Linie Fähigkeiten deines Gehirns. Und die gute Nachricht dabei: Dein Gehirn behält bis ins hohe Alter die Fähigkeit, sich zu verändern und zu optimieren. Neurozentriertes Üben funktioniert also in jedem Lebensalter.

 

Warum Neuroathletik so gut zu Yoga passt

Es hält sich oft der Gedanke, dass Training nur wirkt, wenn es hart und anstrengend ist. Das kennen wir aus dem Yoga schon lange anders. Ruhige, unterstützte Haltungen wie der unterstützte Fisch oder der unterstützte Schulterstand entfalten eine große Wirkung auf unser Nervensystem, unsere Organe, unser Herz-Kreislauf-System – ganz ohne Anstrengung. Genau das gilt auch für die Neuroathletik: Es sind kleine, leichte Übungen, die sich entspannt und ohne Druck durchführen lassen. Und doch eine große Wirkung haben.

Ich lasse gerne einzelne Übungen aus der Neuroathletik in meinen Yoga-Unterricht einfließen: spielerisch, alltagstauglich, ohne Leistungsdruck – und mit einer Wirkung, die sich oft schon nach kurzer Zeit spüren lässt.

Zwei Übungen zum Ausprobieren

Ich hoffe, du bist jetzt so neugierig, dass du direkt loslegen möchtest? Dann habe ich hier zwei wunderbare Neuro-Übungen für dich …

Du möchtest im Yoga den Baum praktizieren, schaffst es aber nicht, stabil auf einem Bein zu stehen? Probiere vor dem Baum einmal die Neuro-Übung Nr. 1.

Deine Schultern sind verspannt und du hast Schmerzen bei der Innen- oder Außenrotation? Dann probiere einmal die Neuro-Übung Nr. 2.

 

Wichtiger Hinweis: Beide Übungen sind Balanceübungen mit Augenbewegungen – das kann bei Migräne, Schwindel, Innenohrproblemen oder in der Schwangerschaft unangenehm oder ungeeignet sein.

Tandemschritt mit Augendiagonale

Stell dich in den Tandemschritt: ein Fuß direkt vor dem anderen, die Zehen des hinteren Fußes berühren die Ferse des vorderen Fußes. Finde zunächst dein Gleichgewicht in dieser Position und versuche, stabil zu stehen. Dann bewegst du deine Augen in der Diagonale – von oben rechts nach unten links und zurück nach oben rechts.

Das fordert Balance und Konzentration gleichzeitig heraus und ist gerade beim ersten Mal gar nicht so einfach. WEnn du es hinbekommen hast, wechsle die Seite: der andere Fuß wandert nach vorne und bewegst die Augen in der Diagonale von oben links nach unten rechts.

 

Das Ergebnis: Ein deutlich stabileres Gleichgewicht. Probiere nun die Baumhaltung aus und schau, ob du schon nach dieser einen Übung ein verbessertes Gleichgewicht wahrnehmen kannst.

Arm-Rotation mit Daumenfixierung

Für das Training deiner linken Schulter, streck deinen rechten Arm vor dir aus. Deine Füße stehen parallel fest auf dem Boden. Deine Hand des ausgestreckten Arms ist zur Faust geballt, der Daumen zeigt nach oben – wie ein Okay-Zeichen.

Fixiere nun deinen Blick auf deinen rechten Daumennagel. Bewege deinen rechten Arm ganz sanft nach rechts hinten, dein Oberkörper dreht mit, soweit es möglich ist – der Blick bleibt dabei durchgehend auf dem Daumennagel. Bist du hinten so weit es geht gedreht, schließt du die Augen und bewegst deinen Arm und Oberkörper mit geschlossenen Augen ganz langsam wieder nach vorne. Wiederhole das sechs- bis zehnmal.

Die Wirkung: deutlich mehr Beweglichkeit in der linken Schulter.

 

 

Wie oft sollte ich neurozentriert üben?

Neuro-Übungen kannst du so oft machen, wie du möchtest. Ich habe mittlerweile eine tägliche Routine bestehend aus 11 Übungen, die ich jeden Morgen mache und an den meisten Tagen auch noch jeden Abend vor dem Schlafengehen. Ganz ohne Anstrengung.

 

 

Fazit: Dein Gehirn ist bereit, wenn du es bist

Neuroathletik hat mir gezeigt, dass Beweglichkeit weniger eine Frage von Kraft oder Dehnung ist als eine Frage der Kommunikation zwischen Gehirn und Körper. Wenn du das nächste Mal an einer Stelle in deiner Yogapraxis nicht weiterkommst, lohnt sich vielleicht nicht noch mehr Anstrengung – sondern ein kleiner Umweg über dein Nervensystem.

Wenn du magst, probiere die beiden Übungen einfach mal an mehreren Tagen hintereinander aus und beobachte, was sich bei dir verändert. 

Punkte als Trennlinie

Solche Impulse lasse ich auch regelmäßig in meinen Yogaunterricht einfließen. Wenn du neugierig geworden bist, komm gern in meinen Curvy Yoga Online-Kurs:

Alles Liebe für dich
Melli

Mentorin für Curvy Yoga und Selbstliebe

PS: Wenn du mehr wissen und vor allem mehr Übungen kennenlernen möchtest, kann ich dir dieses Buch von Lars Lienhard empfehlen: “Training beginnt im Gehirn - Mit Neuroathletik die sportliche Leistung verbessern”.

Melli Böhm – Yoga- und Selbstliebe-Mentorin für Frauen mit XXL-Körper

Hallo, ich bin Melli.
Als Mentorin für Curvy Yoga und Selbstliebe begleite ich Frauen auf ihrem Weg, aus dem ständigen Funktionieren auszusteigen und wieder mehr zu spüren, was ihnen wirklich guttut.

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